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Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die ursprünglich für den 22. November vorgesehene Verleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises an Marica Bodrožić auf das kommende Jahr verschoben. Die deutsche Schriftstellerin kroatischer Abstammung, die in Berlin lebt, bedankte sich jetzt digital für diese Auszeichnung. Der kurze Film, der auf den Seiten der Stadt Aachen unter der Internet-Adresse www.aachen.de/hasenclever zu sehen ist, wurde heute (20. November) im Rahmen eines Pressegesprächs von Olaf Müller, Leiter des Aachener Kulturbetriebs, sowie Vertreterinnen und Vertretern der Walter-Hasenclever-Gesellschaft der Öffentlichkeit vorgestellt.

Angedacht ist die Verleihung des Preises für den November 2021; die Stadt und die Walter-Hasenclever-Gesellschaft sind dazu noch in Abstimmung mit Marica Bodrožić. Gleiches gilt auch für die Lesung von Marica Bodrožić am Vorabend der Preisverleihung. Das traditionelle Gespräch der Preisträgerin mit Schülerinnen und Schülern des Einhard-Gymnasiums am Montag nach der Preisverleihung findet dagegen am 23. November Jahr als Online-Meeting statt.

„Tiefe Freude" über die Auszeichnung

Marica Bodrožić erklärt in ihrem Dankesvideo bewegt ihre „tiefe Freude im Rahmen dieses mein Werk ehrenden Preises auf den Namen „Walter Hasenclever" aufmerksam machen zu dürfen". Und weiter. „Ich bedanke mich für die Lesarten meiner Arbeit, die mich mit seinem Leben und Werk verbinden und die mir Aufforderung sind und es bleiben werden, schreibend, denkend und atmend wach zu sein".

Der Preis wurde im Gedenken an den in Aachen geborenen Schriftsteller Walter Hasenclever gestiftet. Er zeichnet literarische Arbeiten aus, die in der künstlerischen Grundhaltung, durch Themenwahl oder durch literarische Form mit dem Wirken Hasenclevers in Verbindung gebracht werden können. Die Jury würdigte mit der Preisvergabe 2020 das Gesamtwerk der 1973 geborenen Autorin, die mit „ihrem Leben und Werk für einen Fokus auf Mittel-Europa" steht und die das „'Grenzgänger-sein' in einem modernen Europa verkörpert. „Das eigene wird dadurch gerade im zunächst Fremden, Anderen entdeckt und zum Ausdruck gebracht", heißt es in der Begründung.

Laudatio von Jürgen Trabant

Veröffentlicht wurde im Pressegespräch auch die Laudatio von Jürgen Trabant mit dem Titel „Die Sprache der Liebe und der Krieg". Der Professor emeritus für Romanische Philologie und Mitglied der Forschergruppe „Symbolische Artikulation. Sprache und Bild zwischen Handlung und Schema" an der Humboldt-Universität zu Berlin, betont darin, dass sich die ganz besondere poetische Kraft Bodrožićs in der Verschmelzung von narrativer Auseinandersetzung mit dem Leben und der politischen Welt, kühner semantischer Erkundung der Sprache und philosophischer Reflexion manifestiere.

Er erklärte: „Marica Bodrožić versteht Sprache als poetische Produktion des Denkens. Die Dichterin hat in vielen Sprachen gelebt, vor allem im Serbokroatischen und im Deutschen, und sie erlebt Sprache stark körperlich, als eine tief sinnliche Produktivität des Denkens. Sie weiß daher, dass Wörter nicht einfach nur Gegenstände arbiträr bezeichnen, sondern dass sie diese auch denkend erschaffen".

Prosa, Poesie und Philosophie

Bis zu ihrem zehnten Lebensjahr wurde Marica Bodrožić von ihrem Großvater und anderen Verwandten in der Nähe von Split aufgezogen. 1983 siedelte sie nach Deutschland über. Ab diesem Zeitpunkt erlernte sie auch die deutsche Sprache. Ihre frühen Erzählungen und Gedichte widmen sich der poetischen Ausschöpfung von Gedächtnis und Erinnerung. Immer wieder sind es Suchende, Umherreisende, Verlorene, derer sie sich annimmt und die sie sprachlich, den einfachen Menschen ein Denkmal setzend, regelrecht besingt. Die Sprache selbst wird bei Marica Bodrožić zur Protagonistin und Spiegelung einer Verschmelzung zwischen Prosa, Poesie und Philosophie. Ihre Prosa-Arbeiten sind immer lyrisch durchsetzt, die Gedichte stellenweise erzählerisch verortet.

Die aktuelle Identitätsfrage

Die Walter-Hasenclever-Gesellschaft betonte in ihrer Begründung, dass sich Marica Bodrožić besonders der aktuellen Identitätsfrage stelle. Sie definiere Heimat nicht nostalgisch, sondern als eine Verpflichtung zum „Unterwegssein" in eine „Zukunft", eine „Ankunft in Wörtern". Ihre Perspektive liege dabei in einer „Schriftzukunft", die die „Umzäunung der Biographie" auflöse.

Walter Hasenclever wurde am 8. Juli 1890 in Aachen geboren und starb am 21. Juni 1940 in einem südfranzösischen Internierungslager. Sein lyrisches Werk sowie sein 1916 uraufgeführtes Drama "Der Sohn" machten Walter Hasenclever zu einem Exponenten des literarischen Expressionismus.1917 erhielt er den Kleist-Preis, von 1924 bis 1930 lebte er als Journalist in Paris. Während dieser Zeit verfasste er eine Reihe von Schauspielen, durch die er zeitweilig zum meist gespielten Dramatiker des deutschen Sprachraums avancierte.1930 arbeitete Hasenclever als Drehbuchautor Greta Garbos in Hollywood. 1933 wurden seine Werke in Deutschland verboten. Als Regimegegner auch physisch gefährdet, flüchtete er ins Exil, wo er angesichts der deutschen Kriegserfolge den Freitod wählte.

Hasenclever-Preisträger

Der Walter-Hasenclever-Preis existiert in seiner jetzigen Form seit 1996. Bisherige Preisträger waren Peter Rühmkorf (1996), George Tabori (1998), Oskar Pastior (2000), Marlene Streeruwitz (2002), F. C. Delius (2004), Herta Müller (2006), Christoph Hein (2008), Ralf Rothmann (2010), Michael Lentz (2012),  Michael Köhlmeier (2014), Jenny Erpenbeck (2016) und 2018 Robert Menasse.

Der Preis wird getragen von der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, dem Einhard-Gymnasium - der ehemaligen Schule Hasenclevers -, dem Aachener Buchhandel und der Stadt Aachen. Dem Kuratorium gehört auch ein Vertreter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach an, das den Nachlass Hasenclevers pflegt und sich als Hauptträger am Preis beteiligt. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.