Forschende des RWTH-Lehrstuhls für Wohnbau untersuchen das neue Konzept Nukleuswohnen, das sich flexibel an die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner anpasst. Im Juni sind die ersten Testwohnenden in einen dafür umgebauten Leipziger Plattenbau eingezogen.
Ein Zuhause, das je nach Lebenslage mitwächst oder schrumpft: Ein Forschungsprojekt des RWTH-Lehrstuhls für Wohnbau und Grundlagen des Entwerfens in Kooperation mit dem Architekturbüro Almannai Fischer unter der Leitung von Professor Florian Fischer-Almannai und Professor Reem Almannai macht es möglich. Die Idee: Jede Wohnung besteht aus dem gleichen Kern, von den Forschenden Nukleus genannt, also aus Schlafzimmer, Küche und Wohnbereich sowie einem Bad. Dieser Bereich ist und bleibt privat. Je nach Bedarf können Haushalte zusätzliche Zimmer flexibel hinzumieten oder wieder abgeben. Anders als in Wohngemeinschaften ist diese Wohnform nicht unbedingt gemeinschaftlich.
Realisiert wird das Projekt als reales Wohnlabor in einem Leipziger Plattenbau, der drei Jahre leer stand. „Wir haben eigentlich gar nicht nach einem bestimmten Gebäudetyp gesucht, da eine Vorstudie ergeben hat, dass sich grundsätzlich sehr viele Gebäude aus ganz unterschiedlichen Zeiten für eine entsprechende Transformation eignen“, sagt Nina Vollbracht, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wohnbau. Viele Grundrisse des sogenannten WBS 70, einer weit verbreiteten DDR-Wohnbauserie, zeichnen sich aber gerade dadurch aus, dass sie einen mittleren Flur aufweisen, der immer an der gleichen Stelle liegt. Indem die bisher wohnungsinternen Flure mittels Durchbrüche in den tragenden Betonplatten zu einem langen Wohnflur verbunden werden, entsteht ein langer wohnungsübergreifender Flur. „Der Wohnungskern befindet sich damit im nun zu Nukleuswohnungen umgebauten WBS-70 Gebäude jeweils auf der einen Seite dieses Flurs, während alle zusätzlich anmietbaren Zimmer auf der gegenüberliegenden Seite angeordnet sind“, sagt die Wissenschaftlerin. Ideale Voraussetzungen für das Projekt – auch im Hinblick auf die soziale Komponente.

Foto (c) Raik Schache, Sebastian Schels
Bild 1: Das Forschungsteam des Lehrstuhls für Wohnbau der RWTH Aachen und Reem Almannai mit zwei Testwohnenden sowie dem Leipziger Baubürgermeister Thomas Dienberg, der Amtsleiterin Heike Will und den Vorständen der WG Lipsia, Nelly Keding und Rolf Pflüger anlässlich der Eröffnung des Wohndemonstrators.
Denn beim Wechsel zwischen den Räumen entstehen zwangsläufig Begegnungen: Auf dem Flur trifft man sich, kommt ins Gespräch, teilt Alltag. „Wir schaffen mit dieser Wohnform auch ein Angebot für freiwillige Gemeinschaft, das es so in etablierten Wohnformen nicht gibt“, sagt Vollbracht. Wie sich die zukünftigen Mieterinnen und Mieter mit dieser Situation fühlen, ist ein Schwerpunkt von Vollbrachts Forschung.
Das Interesse ist groß: Mehr als 100 Menschen haben im Vorfeld an Infoveranstaltungen zum Testwohnen teilgenommen, 65 verbindliche Bewerbungen von 45 Haushalten mit zwölf Kindern sind bis April 2026 eingegangen. Bis September 2026 werden nun in der ersten Testphase 29 Menschen, darunter sieben Kinder im Wohndemonstrator für mehrere Wochen und Monate leben. Die ersten 13 Menschen, darunter drei Kinder, sind Mitte Juni eingezogen. Ein Jahr später beginnt die zweite Phase. Das Forschungsteam strebt bewusst eine möglichst diverse Nachbarschaft an. Bereits im ersten Durchlauf zeigte sich eine große Bandbreite an Interessierten: junge Paare, verheiratete Seniorinnen und Senioren, Familien mit Kindern sowie Alleinstehende, die sich mehr Gemeinschaft wünschen. „Das Interesse freut uns. Wir konnten natürlich nicht vorhersehen, wie viele Menschen Lust haben, sich auf das Konzept einzulassen“, sagt Vollbracht.
In der ersten Phase stellen die Forschenden fünf Nuklei sowie acht zusätzliche, flexibel hinzubuchbare Zimmer bereit. In der zweiten Phase im Frühsommer 2027 kommen vier weitere Nuklei und weitere Zimmer dazu. Manche Haushalte bleiben einen knappen Monat in der Wohnung, andere wohnen dort bis zum Herbst. Spätestens mit sinkenden Temperaturen endet das Projekt, da bewusst auf den Einbau von Heizungen verzichtet wird. Ziel ist es, dass sich ein möglichst realistischer Alltag entwickelt, der anschließend in Interviews ausgewertet wird.
Das Projekt wird bereits seit Monaten deutschlandweit von hoher medialer Aufmerksamkeit begleitet und öffnet die Diskussion über die Zukunft einer suffizienten, also auf das notwendige Maß beschränkten, Art zu wohnen weit über den üblichen akademischen Rahmen hinweg. Es ist in Art und Umfang, Dauer und Experimentiergrad derzeit einzigartig. Am Tag der offenen Tür am 6. Juni kamen etwa 350 Besucherinnen und Besucher – sowohl Fachleute als auch viele interessierte Menschen aus der Nachbarschaft.
Das Projekt ist zugleich auch ein außergewöhnliches Forschungs- und Lernlabor: Neben Vollbracht arbeiten vier weitere wissenschaftliche Mitarbeitende des Lehrstuhls (Sophia Branz, Marius Helten, Robert Saat, Yanik Wagner) an Promotionen zu dem Wohnkonzept. Sie realisierten eigenhändig auch die für die Forschung notwendigen Einbauten wie flexible Türen, neue Wand- und Fensterelemente, Bäder und Küchen und betreiben das Wohnlabor in den nächsten zwei Jahren. Unterstützung erfuhren sie dabei von 16 Studierenden der RWTH und für einige Monate auch im Zuge eines Erasmus+ Programms von 20 Studierenden der Universität Liechtenstein. „Auch für die Studierenden ist das eine außergewöhnliche und tolle Erfahrung“, sagt Vollbracht. „Sie bekommen die Möglichkeit, selbst bei einem Bauprojekt mitanzupacken sowie Erfahrungen mit der Bausubstanz, mit Materialien, Wasserleitungen und Elektrik zu machen.“
Die Abbruch-, Rohbau-, Trockenbau- und die umfangreichen Sanitär-, Elektro- und Brandschutzarbeiten hat die Firma B&O Bau und Projekte GmbH zum größten Teil unentgeltlich übernommen. Die Planung und Ausführung dieses auch baurechtlich und technisch höchst anspruchsvollen Projekts erfolgt im Kollektiv der Forschenden der RWTH Aachen und Almannai Fischer Architektinnen und Architekten ergänzt um den Leipziger Architekten Felix Schaller. Der Brandschutz und die Statik wurden von örtlichen Fachplanerinnen und -planern mit ausgewiesener Expertise im Gebäudetyp WBS 70 übernommen.
Das Projekt wird von der Eigentümerin der Gebäude, der Leipziger Wohnungsgenossenschaft „Lipsia“ eG und der Stadt Leipzig unterstützt. Zusätzlich konnten noch viele kleinere Sachspenden von Herstellern von Bauprodukten eingeworben werden.
Weitere Details zum Projekt sind online abrufbar unter Wohndemonstrator Leipzig-Grünau. Bald finden sich dort auch detailliertere Angaben zu den einzelnen Forschungsthemen und eine ausführliche Projektdokumentation.
