RWTH-Studie: Bestandskunden zahlen im Stromvertrieb deutlich höhere Preise als Neukunden. Bestandskunden zahlen im deutschen Stromvertrieb häufig deutlich höhere Preise als Neukunden. Gleichzeitig reagieren Neukundenpreise stärker auf sinkende Beschaffungskosten als Preise für Bestandskunden.
Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Kurzstudie des Lehrstuhls für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen.
Vor dem Hintergrund stark schwankender Energiepreise in den vergangenen Jahren wird zunehmend diskutiert, wie transparent und wettbewerblich der deutsche Haushaltsstrommarkt funktioniert. In ihrer Analyse untersuchen Professor Aaron Praktiknjo, Philipp Daun und Menna Elsobki vom Lehrstuhl für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen die Preisgestaltung und Preisanpassungen im deutschen Stromvertrieb.
Grundlage der Untersuchung sind 2.370 Preisanpassungsschreiben von 70 Stromanbietern aus den Jahren 2022 bis Oktober 2025. Die zugrunde liegende Analyse wurde vom Lehrstuhl für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen im Auftrag von Octopus Energy durchgeführt. Die Auswertung zeigt deutliche Unterschiede zwischen Neu- und Bestandskunden. Bestandskunden zahlen im Durchschnitt rund 47 Prozent höhere effektive Arbeitspreise als Neukunden. Das entspricht einem Preisunterschied von etwa 13 Cent pro Kilowattstunde. Hochgerechnet auf den gesamten Haushaltsstrommarkt ergibt sich daraus ein potenzielles Mehrbelastungsvolumen von bis zu rund 11 Milliarden Euro pro Jahr.
„Wir haben erwartet, dass sich ein großer Teil der Preisunterschiede durch zeitlich versetzte Beschaffungskosten erklären lässt“, sagte Professor Aaron Praktiknjo, Inhaber des Lehrstuhls für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen. „Selbst wenn man diese Effekte berücksichtigt, bleiben jedoch deutliche Unterschiede zwischen Neu- und Bestandskunden bestehen.“
Auch bei Preisanpassungen zeigen sich klare Muster. Diese erfolgen in der Regel nach etwa 11 bis 14 Monaten Vertragslaufzeit. Dabei steigen die Grundpreise im Durchschnitt um rund 15 Prozent, während die Arbeitspreise im Mittel um etwa 22 Prozent erhöht werden.
Ein Vergleich mit der Entwicklung der Großhandelsstrompreise zeigt zudem unterschiedliche Reaktionsmuster bei der Preisgestaltung. Während die Preise für Neukunden relativ stark auf Veränderungen der Beschaffungskosten reagieren, spiegeln sich sinkende Kosten bei Bestandskunden häufig deutlich langsamer wider. „Unsere Ergebnisse zeigen deutliche Hinweise auf eine sogenannte Treuestrafe im Stromvertrieb. Neukunden profitieren stärker vom Wettbewerb, während Bestandskunden häufig höhere Preise zahlen“, erklärte Philipp Daun, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen.
Darüber hinaus zeigt die Analyse Unterschiede in der Kommunikation von Preisanpassungen. In vielen Schreiben wird auf steigende Beschaffungs- oder Netzkosten verwiesen, während sinkende Kostenbestandteile deutlich seltener thematisiert werden. „Die Analyse zeigt außerdem Unterschiede in der Kommunikation von Preisanpassungen“, erklärte Menna Elsobki, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen. „Steigende Kosten werden häufig hervorgehoben, während sinkende Kosten deutlich seltener thematisiert werden.“
Praktiknjo empfiehlt Haushalten daher, ihre Stromtarife regelmäßig zu überprüfen: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich für Kunden lohnt, nach etwa einem Jahr erneut Tarife zu vergleichen und offen für einen Anbieterwechsel zu bleiben. Für einen Vierpersonenhaushalt kann das ein Sparpotenzial von bis zu rund 500 Euro pro Jahr bedeuten. Angesichts unserer Ergebnisse kann man Haushalten nur empfehlen, nach Preisanpassungsschreiben Tarife aktiv zu vergleichen.“
