Stadtplanerin Professorin Christa Reicher über lebenswerte Städte, Angsträume und die Auswirkungen des Klimawandels. In der Interviewreihe „Große Fragen" beantworten Expertinnen und Experten der RWTH Fragen, die die Welt bewegen.
Christa Reicher ist Architektin und Stadtplanerin. Seit 2018 hat sie den Lehrstuhl „Städtebau und Entwerfen" an der RWTH Aachen inne. Zudem leitet sie das Institut für Städtebau und Europäische Urbanistik sowie den UNESCO Chair für Kulturerbe und Städtebau an der Fakultät für Architektur. In dieser Funktion beschäftigt sie sich mit den Zukunftsperspektiven von Quartieren, Städten und Regionen: von der grenzüberschreitenden Raumstrategie bis hin zu Zukunftskonzepten für die Innenstädte. Als Mitglied des Rates der Immobilienweisen hat sie im aktuellen Frühjahrgutachten Immobilienwirtschaft 2025 den Beitrag „Zukunft der Innenstadtentwicklung" verfasst.
Wie definieren Sie „lebenswert"?
Professorin Christa Reicher: Vier Hauptaspekte sind für den Begriff entscheidend: Die politische und wirtschaftliche Stabilität – also das Rechtssystem Stadt muss ökonomisch und politisch funktionieren. Zweitens die Qualität der öffentlichen Infrastruktur vom Öffentlichen Nahverkehr bis zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Drittens räumliche und gestalterische Faktoren wie Umweltqualität und Nachhaltigkeit, besonders im Hinblick auf ambitionierte Klimaziele. Als vierter Punkt kulturelle Vielfalt und sozialer Zusammenhalt als gesellschaftliches Fundament.
Gibt es weitere Kriterien?
Reicher: In den unterschiedlichen Städte-Rankings zeigen sich weitere wichtige Faktoren. Wien rangiert beispielsweise meist vor Zürich in den internationalen Rankings, hauptsächlich wegen des bezahlbaren Wohnraums. Die Wiener selbst sprechen von „leistbarem" Wohnen. Daran erkennt man, dass auch die Themen „soziale Aspekte und bezahlbarer Wohnraum" eine wichtige Rolle spielen. Auffällig ist: Die lebenswertesten Städte weltweit liegen ausnahmslos am Wasser.
Die Top Drei der lebenswertesten Städte in Deutschland... Ich rate mal kurz... Hamburg, Düsseldorf?
Reicher: München führt die Liste an und profitiert von seiner starken Wirtschaft, der niedrigen Kriminalitätsrate und hohen Standards in Gesundheit und Bildung. Die Stadt verkörpert nach innen und in der Außenwahrnehmung Wohlstand und Schönheit. Hamburg folgt mit seinem maritimen Flair und seinen kulturellen Highlights wie der Elbphilharmonie. Düsseldorf überzeugt durch sein Metropolenflair, das umfangreiche kulturelle Angebot und die Rheinlage.
Wie sieht es mit Aachen aus? Wir liegen nicht am Wasser...
Reicher: Aachen kann zwar nicht ganz vorne in den Rankings dabei sein, aber die Stadt hat durchaus Potenzial in Bezug auf Wasser. Sie wurde früher als Bad Aachen bezeichnet, wegen der Thermalquellen und vieler unterirdischer Flüsse, deren Potenzial für die Stadtentwicklung bereits untersucht wurde. Aachen rangiert je nach Studie zwischen Platz 15 und 45. Herausragend ist hier die Position als Kultur- und Bildungszentrum. Die RWTH ist dabei eine zentrale Säule, die nicht nur wirtschaftlich einen großen Beitrag liefert, sondern auch demografisch durch die vielen jungen Menschen, die Vitalität und neue Impulse in das Stadtleben bringen. Dieses Potenzial müsste noch stärker herausgestellt werden. Zudem bietet die Grenzlage zu den Niederlanden und Belgien ein enormes zusätzliches Potenzial für Freizeit, Erholung und kulturelle Vielfalt, das derzeit bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist.
Wie könnte man Aachens Universitäts-Potenzial noch stärker herausstellen?
Reicher: Die Stadt muss ihre Begabungen und Talente als grenzüberschreitende Wissensregion – vernetzt, innovativ, integrativ – stärker ausbauen und in gemeinsames Handeln überführen. Also die vielen Hürden und Hemmnisse überwinden und eine Begeisterung für die Vision DER lebenswertesten europäischen StadtRegion aufrufen.
Wer plant Städte, und werden die Bürger daran (ausreichend) beteiligt?
Reicher: Zukunftsfähige Stadtkonzepte erfordern eine klare Vision, die maßgeblich von Verwaltung und Politik entwickelt werden muss. Dabei ist die Bürgerbeteiligung essenziell, sie darf aber nicht als "Wunschkonzert" verstanden werden, im Sinne der Frage, was sich die Beteiligten wünschen. Es geht um "Partizipative Führung" – also eine kluge Verschränkung von fundierten inhaltlichen Konzepten und einem ernsthaften Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern über deren Zukunftsvorstellungen. Erfolgreiche Stadtentwicklung braucht den engen und konstruktiven Austausch zwischen einer Stadtverwaltung, die Vorschläge entwickelt, einer Politik, die dem Rat der Verwaltung folgt und auf dieser Basis Entscheidungen trifft, der Stadtgesellschaft und auch der Fachexpertise, die durchaus von außerhalb kommen kann, zum Beispiel von den Hochschulen.
Haben sich die Ansprüche an Innenstädte in den letzten Jahren verändert? Suchen Menschen diese überhaupt noch auf?
Reicher: Wir haben in den vergangenen Jahren die Innenstadt zu monofunktional entwickelt und zu sehr auf den Einzelhandel ausgerichtet. Diese Ausrichtung erweist sich heute als problematisch. Der Einzelhandel wurde als die lukrativere Nutzung angesehen, mit der sich mehr erwirtschaften ließ, als mit Wohnen oder Gewerbe. Zentrale Herausforderungen prägen heute die Situation: Die Flächen für den Einzelhandel in den Innenstäten sind viel zu groß, teilweise völlig überdimensioniert und der Online-Handel ist stark gewachsen, er wird in bestimmten Bereichen wie Mode und Accessoires noch weiter zulegen. Wir können den Stadtkern nur revitalisieren, wenn wir ihn nicht nur als Einkaufsstadt oder weiterhin als „Umkleidekabine" betrachten, sondern wirklich andere Angebote und vielfältige Nutzungen etablieren – und das radikaler und stadtspezifischer als bisher. Es gibt nicht das erfolgversprechende Patentrezept, das für alle Innenstädte gilt. Konzepte und Strategien müssen ortsindividuell entwickelt werden.
Wie kommt es zu verwaisten Straßenzügen?
Reicher: Der Leerstand der großen Einzelhandelsmagneten hat in den letzten Jahren das größte Problem erzeugt. Diese „Riesen", einst in ihrer Blütezeit ge- und beliebt, werden vielerorts zu regelrechten Problemfällen, wie man hier in Aachen beispielsweise beim „Lust for Life", früher Horten, sehen kann. Wenn solche Magneten mit ihren Ankermietern wegfallen, verändern sich Fußgängerströme grundlegend und von den „Riesen" wird ein „Leerstandsdomino" ausgelöst, wie man es im Bereich Dahmengraben beobachten kann. Neue Nutzungskonzepte sind dafür erforderlich und längst überfällig.
Die Lust for Life-Immobilie soll jetzt zum „Haus der Neugier" umgebaut werden...
Reicher: Was mich sehr freut, denn zwei äußerst wichtige städtische Einrichtungen wie die Volkshochschule und die Stadtbibliothek sind daran beteiligt. Der Erfolg hängt davon ab, welche Impulse der zukünftige Nutzungsmix in seinem Umfeld erzeugen und welche Magnetwirkung das umgebaute Gebäude entfalten kann.
Es gibt Überlegungen, das Cineplex Aachen teilweise zu Wohnraum umzubauen, weil zu wenig Besucher kommen...
Reicher: Die Diskussion um die Zukunft des Cineplex am Alten Posthof in Aachen zeigt zweierlei: Kulturelle Nutzungen haben es heute nicht leicht und benötigen auch in Krisenzeiten Unterstützung. Auch das Wohnen, einst aus der immobilienwirtschaftlichen Perspektive als wenig lukrative Nutzung eingeschätzt, gilt zunehmend als lukrativ und wirkt zugleich belebend für eine Innenstadt.
Können Sie Beispiele für eine bereits gelungene Umnutzung von Immobilien nennen?
Reicher: Im Ruhrgebiet gibt es einige solcher Projekte: Der Umbau der ehemaligen Hertie-Filiale in Lünen oder die "Neuen Höfe" in Herne zeigen, wie mit einem Konzept mit weniger Einzelhandel in den Erdgeschossen und neuen Büro- und Wohnwelten neue Wege der Innenstadtbelebung bestritten werden können. In Gevelsberg wird das ehemalige Warenhaus „Rupprecht" zu einer „Soziokulturellen Begegnungsstätte" umgebaut, mit Stadtbibliothek, Musikschule, Stadtarchiv und Einzelhandel im Erdgeschoss. In Frankfurt am Main entsteht gerade an der Zeil im "Weltstadthaus" eine Multi-Use-Immobile mit Einkaufen, Arbeiten, Hotel, Sport, Schule und Bildung.
Was ist außer dem „Haus der Neugier" in Aachen noch geplant?
Reicher: Vieles, was auch schon auf den Weg gebracht ist. Ich kann an dieser Stelle von zwei Studienprojekten berichten, mit welchen wir uns aktuell am Städtebau-Lehrstuhl befassen: Einerseits mit der Zukunft des Aquis Plaza, dazu gibt es am 13. Mai 2025 eine Ausstellungseröffnung im Reiff-Museum der RWTH. Mit ihren Entwürfen, die im Rahmen eines Studentischen Ideenwettbewerbs entstanden sind, zeigen die Studierenden, wie man die Immobilie für andere Konzepte nutzen könnte und welches Potenzial dieser Standort im Umfeld des Kaiserplatzes insgesamt hat. Zudem wird von den Studierenden für die leerstehende Wehmeyer-Immobilie in der Adalbertstraße eine innovative Neunutzung entwickelt. Das Gebäude ist ein echter Schandfleck in der Innenstadt. Investor ist Midstad, der in Frankfurt am Main das bereits erwähnte „Weltstadthaus" umbaut. Er hat diesen Studentischen Ideenwettbewerb initiiert, worüber wir uns sehr freuen.
Was sind zurzeit die größten Nachfragen oder die größten Überangebote?
Reicher: Es gibt eindeutig zu viel Einzelhandelsfläche und zu wenig Wohnraum. Aber diese naheliegende Rechenformel, nämlich aus leerstehenden Handelsflächen Wohnraum zu entwickeln, geht nicht so einfach auf. Bei der Umnutzung zu Wohnen gibt es viele Herausforderungen. Unter anderem ist eine gute Belichtung erforderlich und manchmal existieren im Bestand keine Treppenhäuser zur Erschließung der Obergeschosse. Eine Wohnnutzung benötigt zudem auch eine soziale Infrastruktur von der Kita bis hin zu Freiflächen – Anforderungen, die manche Handelsflächen nicht erfüllen können. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass Wohnen zunehmend in die Innenstadt gehört und auch realisiert werden sollte, zumindest dort, wo es die Rahmenbedingungen hergeben. Denn Wohnen belebt eine Stadt rund um die Uhr.
Welche Rolle spielt der Klimawandel bei der Stadtgestaltung?
Reicher: Eine ganz zentrale Rolle: Mit der Klimakrise verändern sich die Rahmenbedingungen und Anforderungen an die Gestaltung der Innenstadt. Die Temperaturen, insbesondere in den Sommermonaten, steigen und die Trockenheit nimmt zu. Wir arbeiten derzeit mit der Industrie- und Handelskammer Aachen an einem Positionspapier "Klimaresiliente Innenstadt". In zwei Workshops mit Einzelhandelsakteuren und Klimaexperten wurde die zentrale Bedeutung von Grün- und Wasserflächen in der Innenstadt deutlich. Bäume wirken wie eine natürliche Klimaanlage, da sie Kühle erzeugen, Wasser verdunsten und Schatten spenden. Es scheint sich auch ein Perspektivwechsel anzudeuten. In der Vergangenheit haben wir stark auf Verdichtung gesetzt, also auf die bauliche Nachverdichtung unserer Innenstädte. Jetzt müssen wir darauf achten, wie wir sie wieder stärker begrünen können und wie wir unter dem Stichwort "Schwammstadt" mit Regenwasser umgehen.
Wie kann man beispielsweise in Aachen Wasser und Grün (noch mehr) integrieren?
Reicher: Die Stadt wird von unterirdischen Wasserläufen durchzogen. Wir haben bereits zwei Studien zum Wasser im Umfeld des Büchels und in Burtscheid bearbeiten können die aufzeigen, welches Potenzial und welche Herausforderungen damit verbunden sind und wie man das unsichtbare Wasser zutage fördern könnte. Auch wenn der Klimaschutz aktuell gesellschaftlich und politisch nicht an erster Stelle zu stehen scheint, so müssen die Themen Wasser, Entsiegelung und mehr Grün in der Stadtentwicklung sehr ernst genommen werden. Früher wurde argumentiert, dass sich Grünflächen wirtschaftlich nicht rechnen, da sie Fläche benötigen und die ökonomische Nutzung einschränken. Diese Ansicht hat sich mittlerweile umgekehrt. Die Anpassungen an die Folgen des Klimawandels gilt es umzusetzen, sonst werden die Lebensbedingungen in Städten in den Sommermonaten unerträglich. Studien belegen, dass Grün nicht nur ein wichtiger Faktor für Lebensqualität und perspektivisch nicht nur die klimatische und ökologischere Lösung ist, sondern auch die langfristig ökonomischere im Sinne der Wertschöpfung und der Stadtrendite sein kann.
Inwiefern?
Reicher: Freiräume steigern auch die Lagequalität im Umfeld und damit den Wert von Grundstücken und Immobilien. Es entstehen beliebte Orte, in die Menschen investieren. So erweist sich diese vermeintlich unwirtschaftliche Lösung als ökonomisch sinnvoll, weil diese Orte attraktiv sind, Investitionen anziehen und gepflegt werden.
Nochmal Beispiel Aachen: In der Adalbertstraße werden verschiebbare Baumkübel eingesetzt. Reicht das?
Reicher: Bei einer Begrünung von Gebäuden und Stadträumen muss es darum gehen, eine erdgebundene Lösung umzusetzen, so dass der Aufwand für Bewässerung und Pflege möglichst gering ist. Pflanzen in Kübeln können ein Begrünungskonzept ergänzen, sie sind für sich genommen aber keine hinreichende Lösung.
Was spräche gegen einen See in der Aachener Innenstadt? Wasser ist ja, zumindest unterirdisch, vorhanden.
Reicher: Ein See braucht Platz und Fläche, die ich im Augenblick nur bedingt in der Aachener Innenstadt sehe. Vorstellbar wäre diese Idee in Verbindung mit der Entwicklung eines neuen Europaquartiers am Europaplatz. Hier fließt die Wurm und in der Tat hat es vor einigen Jahren schon Konzepte gegeben, wie hier ein See geschaffen werden könnte.
Sie erwähnten eine IHK-Studie oder schon andere Forschungsprojekte. Was passiert mit den Ergebnissen? An wen werden sie weitergeleitet?
Reicher: Die Ergebnisse aus Studienprojekten oder Studien landen keineswegs in der Schublade. Wir organisieren Ausstellungen und Diskussionsrunden, zu denen wir die interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Verwaltung und Verbänden einladen. Außerdem nutzen wir unsere Veranstaltungsreihe „Städtebauliches Kolloquium", um den Austausch zwischen Studierenden und ihren Ideen für eine lebenswerte Zukunft sowie den Akteuren zu fördern, die diese umsetzen können.
Ist es möglich, Innenstädte für alle Generationen zu gestalten?
Reicher: Das muss möglich sein und ist auch das übergeordnete Ziel. Während die ältere Generation heute noch Wert auf Einkaufsmöglichkeiten und Gastronomie in der Innenstadt legt, schätzen jüngere Menschen Freizeitangebote und konsumfreie Räume. Viele Bedürfnisse, wie kurze Wege zu Versorgungseinrichtungen und eine attraktive Atmosphäre sind generationenübergreifend relevant. Eine Innenstadt muss möglichst für alle Altersgruppen attraktiv sein und eine Magnetwirkung entfalten, denn nur dadurch bleibt sie lebendig.
Welche Bedeutung haben öffentliche Plätze für das soziale Leben?
Reicher: Eine große Bedeutung, denn sie sind für die unterschiedlichen Zielgruppen Visitenkarte, Rückgrat und Aufenthaltsraum, aber auch eine Art „sozialer Kitt". Hier können sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen treffen, begegnen und austauschen. Je nach Perspektive gibt es unterschiedliche Stellenwerte und Erwartungen an öffentliche Plätze, aber sie sind letztendlich ein wichtiges Aushängeschild für jede Stadt. Wenn sie nicht gut gepflegt werden, sinken damit auch das Image und die Anziehungskraft einer Stadt für Besucher und Bewohner.
Wie der Kaiserplatz hier in Aachen...
Reicher: Ich habe selbst vor über 20 Jahren lange dort gewohnt, weil das für mich der urbanste Ort in Aachen war. Damals gab es noch eine gut funktionierende Unterführung, ein Ort der Begegnung, mit Schuster, Bäcker und Blumenladen. Später ist die Unterführung dann verfüllt worden. Es war eine tolle Wohngegend, bis sich dort die Drogenszene und in der Folge Kriminalität ausgebreitet haben. Die Konzentration sozialer Problemlagen führt oft zu No-Go-Areas. Deshalb plädiere ich dafür, offensichtliche Probleme stärker präventiv anzugehen und nach dezentralen Konzepten zu suchen. Eine Konzentration sozialer Probleme an einem Ort – und das kann man vom Beispiel Kaiserplatz lernen – führt nicht zum Ziel und lässt sich nur mit ungemein großem Aufwand lösen.
Welche Herausforderungen sehen Sie für Innenstädte in den Abend- und Nachtstunden?
Reicher: Sicherheit und Sauberkeit sind zentrale Themen. Angsträume entstehen durch eine mangelnde Frequentierung und Verwahrlosung. Umgekehrt können gute Pflege und Gestaltung der öffentlichen Räume dazu beitragen, dass diese nicht verwahrlosen, sondern wertgeschätzt werden. Wichtig ist hier wiederum auch die Nutzungsmischung. Während die Handels- und Büronutzungen in den Abendstunden keine Belebung erzielen, sorgt eine Wohnnutzung für natürliche soziale Kontrolle rund um die Uhr.
Was können wir von anderen Städten weltweit lernen?
Reicher: Wir können lernen, wie wichtig eine starke und überzeugende Vision für die Zukunft einer Stadt ist und auch die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu erfinden. Die klassische Innenstadt muss neu gedacht werden, punktuelle Verbesserungen reichen nicht aus. Dabei muss die Vision die spezifischen Stärken der Stadt einbeziehen und eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Möglichkeitsräume für neue Entwicklungen sind wichtig, um Kleininvestoren und Grundstückseigentümer zu motivieren.
Wie sieht die Innenstadt der Zukunft aus?
Reicher: Sie muss wieder eine Wohlfühloase werden, also ein Ort sein, an dem man sich gerne aufhält. Die Einzelhandelsflächen werden deutlich zurückgehen. Moderne, emissionsarme Produktion und Handwerk kehren in die Innenstädte zurück, was wir aus einem unserer Forschungsprojekte, "Urban Factory", lernen konnten. Räume für Wissen und Bildung werden sich stärker etablieren, ob in Form von sogenannten „Dritten Orten" oder als neue Co-Working und Co-Living-Flächen. Ein bewährter Schlüssel zum Erfolg sind maximale Nutzungsmischung und größtmögliche Flexibilität der Nutzung. Eine Stadt der kurzen Wege und ein attraktives Umfeld werden perspektivisch für die Fachkräftegewinnung zunehmend wichtiger. Das größte Kapital einer Stadt oder auch einer Universität sind die Menschen. (Innen)Städte wieder zu Magneten für Bewohner und Besucher zu machen, das muss unser gemeinsames Ziel sein. Die Zukunft ist ein Produkt der Gegenwart.
Die Fragen stellte Nicola König.
